Drahtseilakt PDF Afdrukken E-mailadres
24.04.2006 / NRW Lokalausgabe

Sieht einfach aus, ist es aber nicht: Mut, Muckis und Nerven wie Drahtseile sollte man zum Klettern im Hochseilgarten schon mitbringen.
Über mir ein Drahtseil, an dem ich mich festklammere. Unter mir ein schwankendes, auf dem ich versuche zu stehen. Das ganze zwischen zwei Bäumen in neun Metern Höhe - ein wahrer Drahtseilakt. Seit einem Monat können sich Abenteuerlustige im Hochseilgarten "Tree2Tree" von "Baum zu Baum" schwingen: Die NRZ hat's getestet.

Als Kletterwand-Erfahrene dachte ich: "So'n paar Bäume mit Hängebrücken dazwischen, ist doch Pipifax." Falsch. Ausgerüstet mit Klettergurt, Karabinerhaken und Bauarbeiter-Handschuhen merke ich schon auf dem nur drei Meter hohen Übungsparcours, noch bevor's richtig losgeht - das wird spannend.

Nach der Einweisung durch einen Trainer - Sicherheit ist das Wichtigste - darf ich mich alleine durch den Kletterpark hangeln. An einer Strickleiter kämpfe ich mich auf die erste Plattform des Einsteigerparcours'. Oben bin ich außer Atem, und mir fällt plötzlich wieder ein: Ich hab' ja leichte Höhenangst! Pech: Umkehren geht nicht, hinter mir steigen schon die Nächsten auf.

Nervenkitzel pur, mit Blick auf den Gasometer

Bleibt nur die Flucht nach vorn: tief durchatmen, nicht nach unten gucken und bloß nichts falsch machen. Was hab ich gelernt? Erst den einen Karabiner, dann den zweiten gegenläufig am Sicherungsdraht befestigen, noch mal überprüfen. Alles richtig? Dann los!

Die Hängebrücke nehme ich ohne Probleme. "Is doch alles halb so wild", denke ich. Etwas voreilig: Plötzlich rutscht ein Kletterer vor mir vom Drahtseil und hängt strampelnd an der Sicherungsleine. Da geh' ich nicht lang, niemals! Ein Junge hinter mir drängelt: "Los, das ist eigentlich ganz einfach." Also gut. Ohne zu fallen, aber schweißgebadet rette ich mich auf die nächste Plattform.

Am Ziel bin ich noch lange nicht, für einen Parcours braucht man etwa eine Stunde. Ich soll mich einklinken und unter dem Seil hängend zum nächsten Baum rollen. Ist das nicht der Parcours für Fortgeschrittene oder Profis? Selbst wenn: Einen anderen Weg gibt's nicht. Sogar NRZ-Fotografin Janne Beuter, die meine "Zitterpartie" dokumentiert, traut sich - mit Kamera im Gepäck! Da muss ich jetzt durch.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, bin ich begeistert. Nervenkitzel pur, mit Blick auf Gasometer und Kanal. Mein Adrenalinspiegel ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Ich zittere am ganzen Körper - vor Aufregung, Anstrengung und Kälte, unter dicken Wolken ist es im Wald doch recht frisch. Innerlich jubele ich vor Freude - und äußerlich auch.

Jetzt den zweiten Parcours, den für Fortgeschrittene! Der ist bis zu elf Meter hoch. Eigentlich bin ich am Ende meiner Kräfte. Egal, ich will mehr. Mehr Angst! Mehr Adrenalin! Mehr Spaß! Janne gibt auf, sie hätte frühstücken sollen: "Ich hab' nur noch Watte in den Armen." Also klettere ich alleine, schon viel geschickter als beim ersten Mal. "Den dritten mach ich gleich auch noch", denke ich, aber am Ende bin ich froh, dass ich endlich sitzen und den Klettergurt ablegen kann. Meine Hände zittern, für heute reicht's. Den Profi-Parcours mach' ich nächstes Mal. Besonders anstrengend für die Arme: das Festklammern am Seil. Was tut man nicht alles für den Job! Sharon Mellnich macht sich in luftiger Höhe Notizen.


SHARON MELLNICH (Text)
JANNE BEUTER (Fotos)
 
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